Oct 29 2006
Wetter sonnig, Stimmung finster
Zwanzig Franken kostete mich das Zugbillet von Winterthur nach St.Gallen, retour. Obwohl sich der Einkauf, dies war der Grund für meinen Besuch in der Ostschweiz, lohnte, kam ich mir doch auf irgendeine Weise beschissen vor. Mein kurzer Aufenthalt dauerte eine gute Stunde. Das ausgegebene Geld beläuft sich auf zirka 450.- Franken, davon ging wie erwähnt ein Zwanziger für die Zugfahrt drauf. Das alleine ginge ja noch. Aber der Dialekt! Dabei hatte ich mich doch vorbereitet um nicht geradewegs in die Olmawurst beissen zu müssen. Der Zug in Richtung St.Gallen hatte nämlich rund fünf Minuten Verspätung. Diese Gelegenheit nutzte ich und meditierte noch etwas vor mich hin. Einatmen, lächeln, ausatmen, einatmen, lächeln, ausatmen und so weiter. Damit erhoffte ich in mir die nötige Gelassenheit aufzubauen, um jeglichen seelischen Schmutz von mir fern zu halten. Dieses Pölsterchen war zu meinem Entsetzen bereits nach vierzig Minuten dahin, verbraucht, verpufft oder mit dem Zug weiter gefahren. Und jetzt?
Es kam wie es kommen musste; Meine Selbstbeherrschung sackte zusammen. Ich mutierte zum abgehobenen Beobachter mit dem Hang, sich aus einer bestehenden Gesellschaft zu distanzieren und dazu die Frechheit aufzubringen, sich urteilend den Menschen gegenüber zu stellen. Ich gebe zu, dass sich mein inneres Wesen an diesem heutigen Tag, welcher im grossen und ganzen reichlich mit Sonne erfüllt war, als eine fiese und dunkle Wolke entpuppte. Aber ich konnte nicht anders. Wieso? Ich werde dies in den folgenden Zeilen kurz beschreiben.
Also, zum einen wäre da die Olmawurst, deren Haut von Hängebauchschweinen aus China stammt, die Zusammensetzung des sonstigen Inhaltes erwähne ich nicht. Im Gegensatz dazu kleben des Öfteren Plakate an Tafeln, deren Aufschrift gegen eine Unterstützung für, oder eben gegen alles «ausländische» wirbt. Ups, jetzt habe ich doch etwas über den Inhalt der Würste erwähnt. Weiter gibt es noch unzählige Frauen, die gefesselt vor Illustrierten sitzen und sich das Leben der Stars, der Sternchen und sogar der Wiennerliprominenz zu eigen machen, sich aber doch irgendwie darüber aufzuregen scheinen. Klar gibt es diese Volksverblödenden Zeitschriften auch in anderen Teilen der Eidgenossenschaft. Aber hey, ganz ehrlich, hier trifft man solche bunten Dinger häufiger an als Gratiszeitungen in der S-Bahn. Das sollte einem doch zu denken geben. Oder? Dann, mein Gott, wie sich der hiesige Militarist benimmt! Es gibt zwei Varianten. Entweder ist er stolz oder stockbesoffen! Bei uns im Westen würde, aus meiner Sicht, die erste der beiden genannten Beobachtungen genügen, um eine vorläufige Vormundschaft zu beantragen. Es gibt natürlich nicht nur St. Galler in der Ostschweiz. Aber am heutigen Tag, den 27. 10. 06, schon.
Item. Auf jeden Fall war ich froh, das mich der Schlaf einholte und ich auf der Heimfahrt nach Winterthur eingeschlafen bin. Es macht an dieser Stelle keinen Sinn, die überfüllten Zugabteile zu umschreiben. Jedoch will ich noch einmal betonen, dass ich wirklich froh bin, eingepennt zu sein. Gott Lob.
Bahnhof Winterthur. Einmal recken und strecken, los geht’s. Hätte ich gewusst was da noch alles auf mich zukommt, dann wäre ich jetzt wohl immer noch am meditieren. Einatmen, lächeln, ausatmen.
Kaum bin ich in die Märtigasse eingebogen, ist es bereits passiert. Wurststände, Apfelsaftdegustationen, Delikatessen aus der Ostschweiz, fettleibige Menschen vor Fast-Food-Ständen und Käseschnitten bei 24 Grad Celsius. Postwendend verschiebe ich meine weiteren Besorgungen auf nächstes Jahr, erhöhe mein Schritttempo, steuere auf die Bahnhofunterführung zu um schleunigst auf die andere Seite zu gelangen. Ich weiche dem Überangebot der Menschen, von denen ich zu erkenne glaube, das diese mich anquatschen werden, aus. Bei Spenden bleibe ich sowieso hart. Das andere Zeugs wie Unterschriftensammeln oder das Anwerben von Clubmitgliedern, na ja, ein anderes Mal… Ich wage zu behaupten, dass ich bereits sozial genug bin. Okay, heute vielleicht nicht.
Treppe runter, weniger Menschen. Unten angekommen wagt es doch noch jemand, sich mir, mittlerweile habe ich ein beträchtliches Tempo eingeschlagen, in den Weg zu stellen. Ein Händewink reicht, die Sache ist erledigt. Trotzdem, um Himmels Willen! Oben wirbt man für den Tierschutz und keine zwanzig Meter weiter werden Flugblätter für denn neuen Erotikmarkt verteilt. Jedes Kind weiss doch, in welches Licht die so genannte Erotikbranche gerückt ist. Das Spektrum dieser Unterhaltung ist weit gesponnen. Wenn man sich jetzt auf das Spiel der vorhandenen Kombination einlässt, also Eins und Eins zusammenzählt (Tier mit Mensch und umgekehrt), pfui Teufel. Schnell weg von diesen verdorbenen Gedanken, die nächste Treppe hoch und hinein gestürzt in den Bioladen.
Es riecht irgendwie gesund. Der Blick in den Geldbeutel verrät mir, das ich hier nicht lange bleiben darf. Ich greife nach einer Teemischung die in mir Hoffnungen wachruft, dass dieser Nachmittag doch noch ein gutes Ende nehmen könnte. «Gute Laune Tee» steht auf dem Etikett geschrieben. Doch nur wenige Sekunden später wird meine aufglimmende Hoffnung nach der nötigen Gelassenheit zum platzen gebracht.
Kassiererin: Guten Tag.
Ich: Hallo.
Kassiererin: Oh, «Gute Laune Tee». Gacker gacker.
Ich sage noch nichts. Denke nur.
Kassiererin: Gute Wahl. Aber bei diesem schönen Wetter?
Ich: Mhm.
Der Mann hinter mir: Andere geben mehr Geld aus um die Laune zu steigern.
Kassiererin: Gacker gacker.
Mann: Kickericki
Ich: Mhm, ja.
Kassiererin: Na dann mal gute Laune beim trinken.
Ich: Sollten sie nicht mal einen solchen Tee trinken? Schliesslich steht ja der ganze Laden tief in den roten Zahlen.
Ich verabschiede mich. Die Kassiererin tut dies ebenfalls, wenn auch etwas perplex. Der Mann tut so, als hätte er nichts von meinem Kommentar gehört und widmet sich dem Zutatenbeschrieb der Sesam- und Reisstängel.
Ich schwinge mich auf meinen Drahtesel und radle los. Die Sonne blendet mich, der Wind zerzaust meine Haare, hinter mir höre ich durch den Lautsprecher des Bahnhofs folgende Worte: Einfahrt des ICN nach Will, Gossau, St. Gallen. Ich beschleunige meine Tretbewegungen, sause an einem Haufen junger Kiffer in zu grossen Kleidern, mit zu grossen Mützen, zu breiten Schuhen vorbei. Sinnbildlich stehen diese in der Ecke auf einem beinahe unbenutzten Spielplatz. Was für ein Spiegel der Gesellschaft. Ich denke: Einatmen, lächeln, ausatmen, einatmen, lächeln, ausatmen.
damian haymoz (sternenpracht AT gmx.ch)
