Nov 09 2006
Willkommen Kälte
Die meisten Leute beklagten sich in den vergangenen Tagen darüber, dass es plötzlich kalt geworden ist. Wie anstrengend. Das Quecksilber purzelte um stolze 15 Grad Celsius. Voll krass!
Moment, was heisst den hier voll krass? Es ist November, der zweit letzte Monat des Jahres. Dieser verfügt nun einmal über den Charakterzug, kühler als der Juni oder der August zu sein. Für jene unter uns, welche während des Naturkundeunterrichts mit einem durchzogenen Dünnpfiff unter der Mütze zu kämpfen hatten, diese möchte ich an der hiesigen Stelle gerne dazu einladen, wieder einmal etwas in Punkto UM(DIE)WELT mitzudenken. Als Denkanstösse nenne ich die vier Jahreszeiten, jawohl, es sind vier, und dazu noch eine weitere Bezeichnung, die übrigens immer noch als aktuell gilt; Klimazonen. Na, Groschen gefallen?
Wenn nicht, kann man sich doch noch in einer eher verblendeten Winterzeit – mit Badehose, Sonnebrille, Cocktail, Sonnenbrand – erleben. Dieses Phänomen ist eine Mischung aus Fernweh, Flucht und Selbstgefälligkeit. Solche Verhaltensweisen können übrigens auch unter der Rubrik «Klimaflüchtlinge» verbucht werden. Tausende Menschen flüchten vor Hochwassern und Taifuns, im Gegenzug verreist unser eins in der Hoffnung, die eigene Gemütslage noch ein Weilchen oben zu halten, den Spass am Leben auszubauen. Nun, heisst das jetzt, das Auslandreisen in der jetzigen Zeit verpönt sind? Ist es uncool geworden, sich während der beginnenden Winterzeit zu verpissen?
- Nein. Glücklicherweise lebt in unserer Gesellschaft ein reges Interesse an fremden Kulturen.
- Ja! Grausig, wenn sich im Ziehkoffer mehrheitlich trägerlose Shirts, schlampig geschnittene Kleider, zu knappe Röcke, die letzte Ausgabe der Schweizer Illustrierten, Schminkutensilien, Aromat und Maggi, Autoschlüssel, unerledigte Arbeit und weitere belastende Dinge finden lassen.
Trotzdem, buchen! Thailand, Brasilien, Neuseeland, die dominikanische Republik und andere unzählige Destinationen locken nicht um sonst mit ihren beneidenswerten Qualitäten. Was soll man da noch sagen. Schön. Schön?
So ganz unter uns gesagt, von der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise aus gesehen, sind wir - jawohl, immer noch - Naturwesen. Winterschlaf, Stimmungswechsel, Scheibenkratzen, Ansammeln von Fettpölsterchen, Fondueplausch, Glühwein statt Bier, Rückzug des peripherischen Treibens. Es scheint als dringe da eine Klarheit an den Tag, die uns nachdringlich zuflüstert, dass sich auch der gesunde menschliche Organismus an einen bestimmten Rhythmus hält. Gemäss den chronobiologischen Forschungen verlaufen alle physiologischen Prozesse rhythmisch. Somit könnte sich unsere seelische Verfassung also gut an der Fülle der Herbstfarben nähren. Mein Maltherapeut erzählte mir neulich etwas über die Farben und deren Wirkung. Klang sehr interessant und einleuchtend! Ich kapierte es aber dann trotzdem nicht so recht. Fazit: Open your eyes, close your Geldbörse. Lassen wir das jetzt. Gesund zu leben ist anstrengend. Oder nicht?
Egal, Hauptsache, man tut was. Deshalb kurve ich noch einmal in meinem Wagen, meinem 1,6 Liter Franzosen, durch die Stadt. Hätte ich eine 3 Liter Karre, dann würde ich wahrscheinlich zweimal durch Winterthur tuckern. Aber wer weiss, wenn wir alle gemeinsam etwas öfter aufs Gaspedal treten, die öffentlichen Verkehrsverbunde meiden, endlich jede Form von Fahrgemeinschaften ausgemerzt haben, oft ins Ausland fliegen, dann bleibt es vielleicht auch bei uns das ganze Jahr warm.
sternenpracht AT gmx.ch

November 13th, 2006 at 12:08
Hochgeachteter Kolumnenschreiber, sehr geehrter Herr Haymoz,es scheint mir,dass Sie selber,wie im 2. Abschnitt erwähnt,ein Klimaflüchtling sein könnten. Denn auch Sie packen in den nächsten Tagen Ihre Badehosen und Sonnenbrille ein und fliegen in ein warmes Land.
Also Bitte zuerst vor der eigenen Haustüre wischen!
Ich möchte darauf hingewiesen haben, dass es gefährlich ist, unterschiedliche moralische Maßstäbe zu haben.
Im Endeffekt, so scheint mir, ist es ein zeitliches Phänomen des Wohlstandes in andere Länder zu reisen wann immer und warum auch immer…
Und seien wir ehrlich, Small Talk über Wetter ist das was die Welt braucht. Ich sehe diese Wetterdiskussionen als verschlüsselte Ich-Botschaften an. Die Kunst ist es manchmal zwischen den Zeilen zu lesen und mit Empathie das wahre Bedürfniss des Wettermotzers zu erkennen.
Ich grüsse den Frieden.
November 17th, 2006 at 13:52
Ich gebe zu, den Bigbrotherkommentar nicht ganz unpassend zu finden, wünsche dem Herr Haymoz natürlich trotzdem schöne Ferien. Falls die Verursacher des ewigen Sommers (zu denen ich übrigens auch mich zähle) nun allerdings das Gewissen plagt, hier folgender Link: http://www.atmosfair.de/
Eine gute Sache die sich definitiv zu unterstützen lohnt. Nicht nur für klimaflüchtlinge!