Jan 23 2007
Fehler im System
Neulich sass ich unter einem symmetrisch geflochtenen Strohdach in Siam Reap, Kambodscha. Der verstaubte Ventilator summte monoton vor sich hin, erfüllte jedoch seinen Zweck. Die Fahrer der motorisierten Vehikel hupten wie immer unentwegt, meine selbst gedrehte Zigarette qualmte in einer Kerbe des Aschenbechers vor sich hin und auf dem holzigen Untersatz meines eisgekühlten Getränkeglases bildete sich eine kleine Wasserpfütze. Die anwesenden Gäste konnte man an einer Hand abzählen. An der linken Seite der Bar bestellten sich zwei sonnenverbrannte Engländer weitere Biere und eine junge deutsche Frau, nahm ich jedenfalls an, las vertieft in irgendeinem sechshundertseitigen Roman. Ich zog an meinem Glimmstängel und beobachtete wie sich eine tollpatschig scheinende Reisegruppe aus Japan die Strasse hinab drückte. Aus allen Ecken strömten Kinder herbei und priesen ihre Kultur- und Reiseführer zu Spottpreisen an. Etwas weiter vorne, an einem strategisch wichtigen Punkt, versammelten sich die hiesigen Taxifahrer auf ihren zweirädrigen Gefährten. Zeitgleich fühlte ich die herunter rinnenden Schweissperlen auf meiner Stirn. Ebenso flossen Bäche meinem Rücken entlang in Richtung Unterhose, die sich dann am Gummiband stauten und später in den blau grünen Karomustern verschwanden.
Belustigt beobachtete ich dieses Schauspiel, welches eigentlich den ganzen Tag lang stattfand. Wenn es dann finster wurde, etwa gegen 17 Uhr, postierten sich jeweils einige Polizisten und hoteleigene Sicherheitsbeamte an den Hauptgassen und taten so, als ob sie irgendeine Macht auszuüben vermochten. Vor einigen Tagen hatte ich eine kurze Begegnung mit einem solchen Ordnungshüter. Ich musste eine Bank betreten, weil ich zum wiederholten Male meine Reisechecks unauffindbar, samt meinem rotweissen Pass, irgendwo im Hotelzimmer schier unauffindbar versteckt hatte. Sonst ziehe ich den Gebrauch von Wechselstuben vor. Auf jeden Fall stand ich nun nach langer Suche vor einem Geldautomaten und steckte voller Freude, daher leicht unaufmerksam, meine Coop Super Card in den vorgesehenen Schlitz. Das eigentliche Versehen bestand aber darin, dass ich diese Karte überhaupt bei mir trug. Erst nach dem dritten Versuch wurde mir bewusst, dass die Plastikkarte blau anstatt goldig war. Doch leider war es bereits zu spät, der Automat spuckte die Karte nicht mehr aus. Aha. Egal. Die 40`000 Riel, umgerechnet entspricht dies zehn US Dollar, mussten halt bis zum nächsten Tag reichen, was sie dann auch taten. Ich teilte dieses Missgeschick natürlich umgehend einem Sicherheitsbeamten der betroffenen Bank mit. Dieser musterte mich mit einem skeptischen Blick und deutete auf meine linke Hand, in der sich zwischen meinem Mittel- und Zeigefinger eine verkrüppelte, aber immer hin selbst gedrehte Zigarette befand. Zugegeben, die konische Form liess einen anderen Inhaltsstoff als reiner Tabak erahnen.
Ich grinste und sagte: «Hey man, no problem, only tabacco.»
Er nickte und sagte, dass ich mir bloss keine Sorgen um die Karte machen müsse. Sorgen machte ich mir bestimmt keine. Aber wenn er gewusst hätte, dass ich vor rund zwei Minuten den wohl einzigen Geldautomaten in dieser Region lahm gelegt hatte, ja dann hätte ich mir Sorgen gemacht.
Nun sass ich also in dieser Bar, genoss das nichts tun und dachte sympathischerweise an nichts. Da klingelte das Telefon hinter dem Bartresen. Der Barkeeper drehte sich langsam um und liess das Ding bestimmt fünfzehn Mal schellen. Erst dann rutschte er von seinem gepolsterten Barhocker, drückte die Zigarette in der geschnitzten Kokosnussschale aus und griff zum Hörer. Er lauschte in die Muschel, nickte, blickte in die spärliche Runde von vier Gästen und fragte:« Is anybody here from switzerland?»
Alle Anwesenden verneinten mit einer einfachen Kopfbewegung. Nach einer Weile legte der Barkeeper den Hörer wieder auf und steckte sich erneut eine Kippe an. Später erhob ich mich aus meinem äusserst bequemen, wenn auch etwas schmuddeligen und klebrigen Korbsessel und ging an den Tresen, um mir noch einen fresh lemonjuice zu bestellen. Beiläufig fragte ich Fritz, den Barkeeper (ich glaube übrigens immer noch nicht, dass dies wirklich sein richtiger Name war), was es den mit dem Telefonat auf sich habe.
Er teilte mir mit seinem gebrochenen Englisch mit, das sich irgend ein Abgesandter eines Schweizerunternehmens um einen potentiellen Kunden sorgte. Dieser sei anscheinend aufgrund eines sehr untypischen Verhaltens aufgefallen. Daraus habe sich eine erhebliche Unordnung im System für Verbraucherkontrollen eingeschlichen. Es bestehe die Gefahr, dass sich alle internen Daten und die dazugehörigen Sammelpunkte anderweitig verschieben könnten. Mehr wusste er nicht, aber das war doch schon allerhand!
Verblüfft schaute ich Fritz an.
«Are you swiss», fragte er mich grinsend.
«I`m from sweden», grinste ich zurück.
Ich hätte ihn ebenso gut fragen können, ob er wirklich Fritz heisse. Aber man verstand sich. Danach genoss ich mein kühles Getränk, rauchte noch etwas vor mich hin und genoss das gebotene Treiben.
Als ich einen Monat später zu Hause meinen Stapel an ungeöffneter Post durchackerte viel mir auf, das sich darunter etliche Einkaufsgutscheine von diversen Geschäften und Grossverteilern befanden. Das gab’s noch nie. Ausserdem hagelte es quasi Ferienprospekte und Werbung von Kreditkarten. Ein Möbelhaus schickte mir sogar einen Vorabdruck ihres Frühlingssortiments. Alles war per Zufall im asiatischen Styl gehalten. Doch aus den Socken riss mich die Anrede des Mitgesendeten Schreibens. „Willkommen in der Schweiz“ stand da.
An diesem Punkt tauchte in mir die Frage auf, wie es eigentlich um die Sicherheit meiner persönlichen Daten, ja des gesamten Datenschutzes überhaupt steht. Seit diesem Tag verteile ich meine Super-Punkte-Bonus-Cumulus-Mega-V.I.P.-Sammelkarten in allen Herrenländern, melde mich mit falschen Namen am Telefon, zum Beispiel mit Fritz, verfüge über unzählige E-Mailadressen die ich monatlich wechsle, habe meine Geldkonten und sonstige Ausweispapiere in diversen Schliessfächern verwahrt, bezahle nur noch mit Bargeld, mache nie mehr an Gewinnspielen mit, lese das Kleingedruckte und betrete die Warenhäuser nur noch mit Sonnenbrille und Kapuze.




