Nov 19 2007
Der Bonus des Nichtsverstehens
Spätestens dann, wenn der erste graue Schnee niederfällt ist es an der Zeit, den Ordner meiner geknipsten Ferienfotos anzuklicken und mit wässrigen Augen auf den Desktop zu starren. Wieso? Darum. Vor vier Wochen sonnte ich mir noch den Nacken feurig, trank mich mit Hotelmanagern, Börsenspekulanten, Backpackern, Chefredakteuren, fragwürdigen Engländern, noch fragwürdigeren Deutschen beinahe um den Verstand und kletterte sogar Leguanen hinterher - wobei ich mir bei der Sache mit den Leguanen nicht mehr so ganz sicher bin.
Jetzt, nach achtundzwanzig Tagen Trockenzeit, heisst es nun Kräutertee statt Rum. Hinzu kommt, das die Auswertung meiner sprachlichen Lernerfolge auf einer Skala von eins bis zehn nicht über eine Zwei hinaus reicht. Zu meiner Verteidigung muss allerdings gesagt werden, dass die Venezuelaner mehr als die Hälfte eines gesprochen Wortes schlucken oder weg lispeln. Dies führte dazu, dass ich zwangsläufig pantomimische Vorführungen veranstaltete, um die in schwarz-weiss abgebildeten Stadtpläne aus dem Reiseführer zu untermalen. An den Busterminals und in Schnellimbissbuden fühlte ich mich jeweils wie ein Zweitklässler, der sich im ersten Familienurlaub an der Costa Brava eine Portion Spaghetti bestellen durfte. „Hä? Mami, was het dä Ma gseit?“ Bei mir, zwanzig Jahre später, klang das dann so: si…äääh…no…como? no entiendo - letzteres heisst soviel wie ich verstehe sie nicht.
Item, schön war es trotzdem, sehr sogar. Das Nichtverstehen einer anderen Sprache hat aber auch seine Sonnenseiten, was mir erst gegen den Schluss dieser Reise so richtig bewusst wurde. Als ich in Caracas auf meinen Rückflug wartete, zündete ich mir an Ort und Stelle, einfach so, eine Zigarette an. Die grossen Verbotsschilder hatte ich leider übersehen weil, eben, no entiendo. Also paffte ich eine Belmont doble filtro. Für dieses Vergehen erntete ich zwar nicht die freundlichsten Blicke, was ich irgendwie einsah. Man schien sich also doch zu verstehen. Zweieinhalb Stunden später, sprich fünf abgebrannte Belmonts, erklang mein Name über die Lautsprecheranlage. Am Schalter B13 versuchten mir zwei in blau gekleidete Herren zu erklären, dass der Flug nach Frankfurt überbucht sei und ich auf den nächsten Flieger, Abflug in elf Stunden, zu warten hätte. Ihr Pech und mein Glück über die fehlenden Spachkenntisse beiderseits verschafften mir, nach einer zähen Partie Schulbubensturheit, einen Sitzplatz in der Buissnes Class. Natürlich ohne Aufpreis. Erst dann, als ich die glorreich erkämpfte Boardingkarte sicher in meiner Hosentasche verstaut hatte, gelang es mir, ein freundliches *magnifico! gracias, es muy amable de su parte hervor zu stottern. Die beiden Angestellten wurden etwas bleich, ich etwas rot.
Eine letzte Zigarette vor dem Abflug blieb mir jedoch verwehrt, weil einige Passagiere handgreiflich zu werden schienen. Aber hey, no entiendo.
*grossartig! das ist nett, danke

November 20th, 2007 at 2:00
Nette Anekdote! =)