Apr 16 2008
Ganz schön grau
Neulich fuhr ich mit dem Zug in den Aargau. In Wirklichkeit fährt ja niemand einfach so in den Aargau. Entweder fährt man durch ihn hindurch oder steigt kurz aus um zu pinkeln. Ich besuchte einen Kollegen, der erst kürzlich seinen Einzug in eine neue Wohnung angetreten hatte. Die zeitaufwendige Anreise, im Vergleich zur Anfahrt mit dem Auto, nahm ich gerne auf mich. Erstens wollte ich auf ein Nehmen-wir-noch-eins nicht verzichten, und zweitens erhoffte ich mir insgeheim, diesen Kanton auf eine andere Weise neu zu entdecken. Denn, «er sei ja schon schön, der Aargau!», sagen die Heimischen. Nur, stimmt das wirklich oder rühren diese Äusserungen von den Überdosen an Auspuffruss her?
Mit zeitverschwenderischem Ergeiz gegen dieses Vorurteil stieg ich also in Dietikon um und erwische gerade noch das blaue Bähnli nach Bremgarten. Nun konnte sie losgehen, die Exkursion in eine unbekannte Landschaft, denkbar voll von fremdartigen Panoramen und mystischen Tempellandschaften. Was mich da wohl alles hinter den grauen Autobahnplanken, hinter all den Rastplätzen erwarten würde?
Gemächlich rollte die BD-Bahn (Bremgarten-Dietikon-Bahn) los. Die Strecke führt über den Mutschellen, wo dem Fahrgast ein Höhenanstieg von zirka 160 Metern bevor steht. Bis nach Bremgarten erwarteten mich knappe, aber sehr wertvolle einundzwanzig Minuten Bahnfahrt. Vier Haltestellen weiter rapportierte ich in mein Logbuch unter Kapitel 9 « ein Leben hinter den Strassen», folgendes: Drinnen; Kaffeeautomat Marke Venezia LX – okay. Draussen; -☹__◗- ! Die Bahnstrecke schlängelt sich nämlich bündig neben einer sogenannten erstklassigen Hauptstrasse den verdammten Mutschellen hoch, dann wieder runter. Zu sehen gab es weder mystische Hügelketten, noch romantische Waldlichtungen oder idyllisch anmutende Meditationswiesen. Gegenteiliges rauschte an mich durch das Bahnfenster heran. Baustellen, Lärmschutzwände, Rennstrassen, Grauköpfe am Streetwalking, überaus überbaute Überbauungen, rollende, teils stehende Blechlawinen, des Bünzlis Gärtli und zu guter letzt eine Werbetafel, die auf den baldigen Rennsportanlass am Mutschellen hinweist. Wahrscheinlich die aargauische Auffassung eines autofreien Sonntages.
Die Hinreise endete daher genau so unglücklich wie das Leben jenes Igels, Höhe Haltestelle Hammergut, verdammt platt. In Bremgarten angekommen, begann ich nach dem Friedhof zu suchen. Nicht etwa meinetwegen, nein, um Himmelswillen! Die Wohnung des oben genannten Junggesellen liegt nun einmal dort in der Nähe. Etwas bizarr kam mir dieses, ganz ansehnliche Städtchen aber dann schon vor. Ich irrte ein wenig durch die menschenleeren Gassen hindurch und wunderte mich darüber, wo sich bloss all die Menschen aufhalten mochten. Da kam mir plötzlich des Rätsels Lösung: Wahrscheinlich fuhren diese gerade mit ihren Autos auf den schönen, erstklassigen Strassen herum.
Später, als ich den ergrauten Wohnblock gefunden hatte, begab ich mich in die wohlbeseelte Wohnung meines daheim gebliebenen Kollegen. Nach der obligaten Besichtigung der Räumlichkeiten fiel die unvermeidliche Frage.
Er: «Und, wie findest du`s hier? »
Ich kippte meinen Schädel nach hinten und spülte die mit CO2 verstaubte Kehle sauber.
Wieder er: «Ich meine abgesehen von meinem neuen Daheim.»
Ich: «Ganz schön.»
Er: «Ehrlich?»
Ich: «Nein. Aber dafür ganz schön grau.»
Der Abend endete übrigens auch ganz schön. Nämlich ganz schön blau.

April 18th, 2008 at 11:46
Danke dem Schriftsteller für diese Zeilen. Sie haben ein feines Gespür für die Strömungen der Zeit und deren Verhalten. Es ist tatsächlich heute. Nicht etwa das Sie andauernd Augen und Ohren offenhalten, um nur ja keinen Modewechsel zu verpassen, dafür sind Sie zu sicher im Geschmack. Vielmehr sind Sie mit einem Frühempfinden ausgerüstet.
Die Zeitgenossenschaft eines Autors muss sich nicht darin erschöpfen, dass ein Werk die zeitüblichen Beschränktheiten aufweist- es kann die Beschränktheiten auch beschreiben und blosslegen und geisseln.
Machen Sie Bitte weiter, Sie, Ausgelieferter, den Einflüsterungen des Teufels Zeitgeist.
April 21st, 2008 at 12:35
Die Pointe mit dem Igel fand ich schlicht genial.
Hätt ich dabei was getrunken wärs mir sicher direkt aus der Nase geschossen