Jun 06 2008
Spermastürmer Superstar
Vergangenes Wochenende war es wieder einmal soweit. Die trügerische Frühlingssonne lockte zig Menschen raus ins Freie, rein in die Vorgärten der Beizen, rann an die Humpen. Auch mein Kumpel Magnus und ich taten dies nach. Ich kam fünf Minuten zu spät, er dafür zehn zu früh. Wie immer suchte ich nach einer Ausrede. Es tue mir leid – sorry – aber ich hätte da eben noch schnell – ganz sponti, weisch – einige Frühlingsgefühle zu befriedigen gehabt. Sofort entriss sich Magnus aus meinem feuchtfesten Händedruck.
Zwei köstliche Biere später stellten wir entzückt fest, dass an diesem Samstagnachmittag nicht nur Ober- und Unterweiten, sondern auch Babybäuche um die Wette Schauliefen.
Wann es dann bei mir so weit sei, wollte Magnus wissen. Ich antwortete, dass mein Antrag auf eine Lohnerhöhung abgelehnt worden sei und ich momentan eh auf die etwas kleineren, runderen Bälle stünde.
«Golf? »
«Nein, Fussball », stellte ich richtig.
Diese wären aber nicht unbedingt kleiner als Babybäuche, intervenierte Magnus. Und noch bevor ich mich erklären konnte, bestellte er zwei weitere Bierchen. Das möge wohl so stimmen, aber dafür seien Fussbälle doch wesentlich billiger, konterte ich.
Wir prosteten uns zu, eins : eins.
«Aber jetzt mal im ernst », lancierte er erneut. «Lässt du dir deine Spermien einfrieren? »
Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet. Mein kurzes, dafür lautes Lachen brach wie eine La-Ola-Welle über die anderen Gäste der Beiz hinweg und wir ernteten einige betroffene Blicke. Autsch, dieser Steilpass ging voll ins Abseits.
«Zigarette », fragte Magnus.
«Unbedingt! »
«Ich habe gelesen, dass es um die Fruchtbarkeit der männlichen Samenzellen, besonders in Schweiz, gar nicht gedeihend ausschaut », erklärte er mir. Dazu wären sich Sackforscher einig, dass der ungünstig konstruierte Sattel am Mountainbike wesentlich zur Samenkillerei beitrage. »
Ich nickte belustigend, nahm einen zünftigen Schluck Bier und konnte denn längst hinfälligen Rülpser nicht unterdrücken. Magnus rümpfte die Nase.
«Igitt, Knoblauch! » Gelbe Karte.
«Nein, selbst gemachte Bärlauch Pesto. Eine meiner sporadischen Massnahmen gegen das männliche Saatsterben. »
Skeptisch glotzte mich Magnus an. Ich verlangte nach einem Bier, er nach einer begreiflichen Erklärung.
«Also », begann ich zögernd, «um mich kurz zu fassen: Das ganze Zeug, also Knobli sowie Bärlauch haben eine dehnende Wirkung. Unsere ganzen Kreislaufschläuche und die anderen Röhren die zum System dazu gehören, weiten sich demzufolge aus. Also sollten sich ja eigentlich auch die Förderbahnen der Spermafabrik vergrössern, was zwangsläufig zu einer gesteigerten Kapazität an Produktionsflüssigkeit führen muss. Daher summiert sich die Anzahl der fruchtbaren Stürmer gewaltig. Es geschieht sozusagen die umgekehrte Wirkung wie beim Rauchen.
«Hast du mal Feuer? »
«Hier. »
«Danke. »
Magnus wankte ungläubig mit dem Kopf und blies den inhalierten Rauch elegant zur Seite hin weg.
«Aber einen Haken hat deine biertrunkene Idee. Der Gestank. Damit vertreibst du jede potentielle Mutter. »
«Mag sein, mein schnelldenkender Freund Magnus Spermikus. Nur im Gegensatz zum konventionellen „Sperma on the rocks“ spielt es hier keine Rolle, ob der Strom weg bleibt oder nicht. »
Diese gedankenreiche Diskussion hatte uns derart gefordert, dass wir zwingend ein kühles Dunkles und eine delikate Platte Antipasti bestellen mussten. Als Carlo, der Kellner, die öltriefenden Köstlichkeiten auf unserem kleinen Zweiertischchen kunstvoll aufgestapelt hatte, zeigte sich Magnus ungewohnt reserviert. Irgendwas schien nicht zu stimmen. Mich vermochte diese Tatsche für einmal nicht zu hemmen, da mein alkoholisierter Gerechtigkeitssinn vor den unteren Trieben kapituliert hatte. Ich grätschte mich sozusagen querfeld durch die Oliven hindurch und verging mich zielstrebig an den eingelegten Tomaten. Den Feta liess ich bis kurz vor Abpfiff auf dem Ersatzbrot liegen.
Später, als wir uns den frisch eingewechselten Zigaretten hingaben, verriet er mir den Grund seiner Zurückhaltung. Er müsse nun deutlich mehr auf die Ernährung achten, weil er den halbstündigen Arbeitsweg seit geraumer Zeit mit der S-Bahn, anstelle seines Bikes, zurücklege. «Dem zukünftigen Nachwuchs zuliebe », bemerkte er stolz.
«Na dann, auf deinen zukünftigen fussballrunden Ranzen… »
«â€¦und auf deine nach Bärlauch riechenden Spermaflitzer… »
«Prost! »
Auf der kurvenreichen Heimfahrt bog ich aus unerklärlichen Gründen eine Seitenstrasse zu früh ab und kollidierte mit einem Sandkasten. Ein zerrissenes Hosenbein, blutige Ellenbogen und eine Acht in der Vorderfelge: Zeugen einer unkonzentrierten Endphase. Erst unter der Dusche bemerkte ich die leichte Schürfung an meinem Hodensack. Na Bravo, auch noch ein Eigentor!
