May 14 2009

Maimist

Damian Haymoz @ 10:22

Neulich balkonte ich über meiner Quartierstasse und glotzte mal hin, mal her. Auch mal rauf, mal runter. Dazu nuckelte ich einige Kräuterbonbons klein, welche offenbar gegen Pollenallergie helfen. Bekannte Folgen bei übermässiger Einnahme: Müdigkeit, Wallungen, Appetitanregend/Appetithemmend – mahnte die Packungsbeilage. Prompt raunte mein Magen und die Augenlieder ergaben sich der Erdanziehungskraft.

Der Maihimmel wechselte trügerisch seine Farben und verhielt sich irgendwie aprilig. Mal so, mal so. Trotzdem ganz schön einladend um ein Weilchen herum zu dösen. Das Dösen an sich verleitet uns ja manchmal zu verwunderlichen Denkprozessen. Meine brachten mich dazu, einen imaginären Sprung ins nächste Tram zu tätigen.

So schiente es mit mir Richtung Altstadt. Den Ausstieg beinahe verpasst, da dösend unterwegs, stand ich am Eingang des el toro manso. Der Tageshänger lockte mit gegrillten Schweinerippchen was ganz lecker klang. Ich bestellte vorweg ein kühles Bierchen und ersuchte das Pissoir. Auf dem Weg kreuzte ich Carlos den Koch, der gerade im Begriff war zu niesen. Um den Schnuder aufzufangen, faltete er seine vergilbten Zigarettenfinger zu einem Bakterienbiotop und füllte dieses sogleich. Eine solche Sauerei konnte mir erspart bleiben. Ich kletterte aus dem Scheisshausfenster ins Freie und verknackste mir bei der ganzen Strampelei einwenig den linken Fuss. «Du Sauhund», hörte ich Carlos rufen, was mich auf die Idee brachte, beim Chinesen Chang einzukehren.

Dort angekommen stellte ich bestürzt fest, dass keine Hoffnung bestand in Changs Bratstube einzutreten. Etliche tibetische Aktivisten befanden sich vor dem Lokal und bildeten regelrecht eine Mauer. Einige von Ihnen hoben Spruchbänder und Schilder in die Höhe, wo das geistliche Oberhaupt Tibets zu sehen war. Nun gelüstete es mich unerwartet nach Lamm. Bis zum Neuseeländer Patariki war es zwar nicht mehr allzu weit, jedoch lahmte mein linker Fuss doch ganz schön nebenher.

Drei Minuten später hockte ich bocksteif im Tram, mir stockte der Atem. Die Luft roch stark überpensioniert, Husten und Niesen übertönten das gelegentliche Quietschen der Geleise. Ich stürzte bei der nächsten Gelegenheit raus und öffnete das Sicherheitsventil meiner Nase. Die Düfte eines srilankesischen Lebensmittellandens füllten meine entleerten Lungenflügel mit Sauerstoff und in den unterbelüfteten Schädelwindungen reihten sich sieben Buchstaben aneinander. Tamiflu.

Dann, als ich mir die ersten Fieberbäche aus dem Gesicht lenkte, erwachte ich endlich aus meinem Halbschlaf. Mittlerweile hatte sich der Himmel verfinstert, liess die ersten Tropfen fallen. Ich verschrieb mir einen starken Kaffee und wusch meinen Kopf unter schmerzend kaltem Wasser. Draussen blies der Wind zur kollektiven Besamung auf. Drinnen informierte eine Radiostimme wie gewohnt über schlimme Sachen. Vermutlich über irgendwelche bellenden Tauben, welche die Katzengrippe verbreiten, indem sie auf den Kopfsalat und in die Beete kacken, wo schlussendlich die Büslis ihren Arsch rein drücken.

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Jun 06 2008

Spermastürmer Superstar

Damian Haymoz @ 0:37

Vergangenes Wochenende war es wieder einmal soweit. Die trügerische Frühlingssonne lockte zig Menschen raus ins Freie, rein in die Vorgärten der Beizen, rann an die Humpen. Auch mein Kumpel Magnus und ich taten dies nach. Ich kam fünf Minuten zu spät, er dafür zehn zu früh. Wie immer suchte ich nach einer Ausrede. Es tue mir leid – sorry – aber ich hätte da eben noch schnell – ganz sponti, weisch – einige Frühlingsgefühle zu befriedigen gehabt. Sofort entriss sich Magnus aus meinem feuchtfesten Händedruck.
Zwei köstliche Biere später stellten wir entzückt fest, dass an diesem Samstagnachmittag nicht nur Ober- und Unterweiten, sondern auch Babybäuche um die Wette Schauliefen.
Wann es dann bei mir so weit sei, wollte Magnus wissen. Ich antwortete, dass mein Antrag auf eine Lohnerhöhung abgelehnt worden sei und ich momentan eh auf die etwas kleineren, runderen Bälle stünde.
«Golf? »
«Nein, Fussball », stellte ich richtig.
Diese wären aber nicht unbedingt kleiner als Babybäuche, intervenierte Magnus. Und noch bevor ich mich erklären konnte, bestellte er zwei weitere Bierchen. Das möge wohl so stimmen, aber dafür seien Fussbälle doch wesentlich billiger, konterte ich.
Wir prosteten uns zu, eins : eins.
«Aber jetzt mal im ernst », lancierte er erneut. «Lässt du dir deine Spermien einfrieren? »
Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet. Mein kurzes, dafür lautes Lachen brach wie eine La-Ola-Welle über die anderen Gäste der Beiz hinweg und wir ernteten einige betroffene Blicke. Autsch, dieser Steilpass ging voll ins Abseits.
«Zigarette », fragte Magnus.
«Unbedingt! »
«Ich habe gelesen, dass es um die Fruchtbarkeit der männlichen Samenzellen, besonders in Schweiz, gar nicht gedeihend ausschaut », erklärte er mir. Dazu wären sich Sackforscher einig, dass der ungünstig konstruierte Sattel am Mountainbike wesentlich zur Samenkillerei beitrage. »
Ich nickte belustigend, nahm einen zünftigen Schluck Bier und konnte denn längst hinfälligen Rülpser nicht unterdrücken. Magnus rümpfte die Nase.
«Igitt, Knoblauch! » Gelbe Karte.
«Nein, selbst gemachte Bärlauch Pesto. Eine meiner sporadischen Massnahmen gegen das männliche Saatsterben. »
Skeptisch glotzte mich Magnus an. Ich verlangte nach einem Bier, er nach einer begreiflichen Erklärung.
«Also », begann ich zögernd, «um mich kurz zu fassen: Das ganze Zeug, also Knobli sowie Bärlauch haben eine dehnende Wirkung. Unsere ganzen Kreislaufschläuche und die anderen Röhren die zum System dazu gehören, weiten sich demzufolge aus. Also sollten sich ja eigentlich auch die Förderbahnen der Spermafabrik vergrössern, was zwangsläufig zu einer gesteigerten Kapazität an Produktionsflüssigkeit führen muss. Daher summiert sich die Anzahl der fruchtbaren Stürmer gewaltig. Es geschieht sozusagen die umgekehrte Wirkung wie beim Rauchen.
«Hast du mal Feuer? »
«Hier. »
«Danke. »
Magnus wankte ungläubig mit dem Kopf und blies den inhalierten Rauch elegant zur Seite hin weg.
«Aber einen Haken hat deine biertrunkene Idee. Der Gestank. Damit vertreibst du jede potentielle Mutter. »
«Mag sein, mein schnelldenkender Freund Magnus Spermikus. Nur im Gegensatz zum konventionellen „Sperma on the rocks“ spielt es hier keine Rolle, ob der Strom weg bleibt oder nicht. »
Diese gedankenreiche Diskussion hatte uns derart gefordert, dass wir zwingend ein kühles Dunkles und eine delikate Platte Antipasti bestellen mussten. Als Carlo, der Kellner, die öltriefenden Köstlichkeiten auf unserem kleinen Zweiertischchen kunstvoll aufgestapelt hatte, zeigte sich Magnus ungewohnt reserviert. Irgendwas schien nicht zu stimmen. Mich vermochte diese Tatsche für einmal nicht zu hemmen, da mein alkoholisierter Gerechtigkeitssinn vor den unteren Trieben kapituliert hatte. Ich grätschte mich sozusagen querfeld durch die Oliven hindurch und verging mich zielstrebig an den eingelegten Tomaten. Den Feta liess ich bis kurz vor Abpfiff auf dem Ersatzbrot liegen.
Später, als wir uns den frisch eingewechselten Zigaretten hingaben, verriet er mir den Grund seiner Zurückhaltung. Er müsse nun deutlich mehr auf die Ernährung achten, weil er den halbstündigen Arbeitsweg seit geraumer Zeit mit der S-Bahn, anstelle seines Bikes, zurücklege. «Dem zukünftigen Nachwuchs zuliebe », bemerkte er stolz.
«Na dann, auf deinen zukünftigen fussballrunden Ranzen… »
«â€¦und auf deine nach Bärlauch riechenden Spermaflitzer… »
«Prost! »

Auf der kurvenreichen Heimfahrt bog ich aus unerklärlichen Gründen eine Seitenstrasse zu früh ab und kollidierte mit einem Sandkasten. Ein zerrissenes Hosenbein, blutige Ellenbogen und eine Acht in der Vorderfelge: Zeugen einer unkonzentrierten Endphase. Erst unter der Dusche bemerkte ich die leichte Schürfung an meinem Hodensack. Na Bravo, auch noch ein Eigentor!

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Apr 16 2008

Ganz schön grau

Damian Haymoz @ 23:49

Neulich fuhr ich mit dem Zug in den Aargau. In Wirklichkeit fährt ja niemand einfach so in den Aargau. Entweder fährt man durch ihn hindurch oder steigt kurz aus um zu pinkeln. Ich besuchte einen Kollegen, der erst kürzlich seinen Einzug in eine neue Wohnung angetreten hatte. Die zeitaufwendige Anreise, im Vergleich zur Anfahrt mit dem Auto, nahm ich gerne auf mich. Erstens wollte ich auf ein Nehmen-wir-noch-eins nicht verzichten, und zweitens erhoffte ich mir insgeheim, diesen Kanton auf eine andere Weise neu zu entdecken. Denn, «er sei ja schon schön, der Aargau! », sagen die Heimischen. Nur, stimmt das wirklich oder rühren diese Äusserungen von den Überdosen an Auspuffruss her?
Mit zeitverschwenderischem Ergeiz gegen dieses Vorurteil stieg ich also in Dietikon um und erwische gerade noch das blaue Bähnli nach Bremgarten. Nun konnte sie losgehen, die Exkursion in eine unbekannte Landschaft, denkbar voll von fremdartigen Panoramen und mystischen Tempellandschaften. Was mich da wohl alles hinter den grauen Autobahnplanken, hinter all den Rastplätzen erwarten würde?
Gemächlich rollte die BD-Bahn (Bremgarten-Dietikon-Bahn) los. Die Strecke führt über den Mutschellen, wo dem Fahrgast ein Höhenanstieg von zirka 160 Metern bevor steht. Bis nach Bremgarten erwarteten mich knappe, aber sehr wertvolle einundzwanzig Minuten Bahnfahrt. Vier Haltestellen weiter rapportierte ich in mein Logbuch unter Kapitel 9 « ein Leben hinter den Strassen », folgendes: Drinnen; Kaffeeautomat Marke Venezia LX – okay. Draussen; -☹__â——- ! Die Bahnstrecke schlängelt sich nämlich bündig neben einer sogenannten erstklassigen Hauptstrasse den verdammten Mutschellen hoch, dann wieder runter. Zu sehen gab es weder mystische Hügelketten, noch romantische Waldlichtungen oder idyllisch anmutende Meditationswiesen. Gegenteiliges rauschte an mich durch das Bahnfenster heran. Baustellen, Lärmschutzwände, Rennstrassen, Grauköpfe am Streetwalking, überaus überbaute Überbauungen, rollende, teils stehende Blechlawinen, des Bünzlis Gärtli und zu guter letzt eine Werbetafel, die auf den baldigen Rennsportanlass am Mutschellen hinweist. Wahrscheinlich die aargauische Auffassung eines autofreien Sonntages.
Die Hinreise endete daher genau so unglücklich wie das Leben jenes Igels, Höhe Haltestelle Hammergut, verdammt platt. In Bremgarten angekommen, begann ich nach dem Friedhof zu suchen. Nicht etwa meinetwegen, nein, um Himmelswillen! Die Wohnung des oben genannten Junggesellen liegt nun einmal dort in der Nähe. Etwas bizarr kam mir dieses, ganz ansehnliche Städtchen aber dann schon vor. Ich irrte ein wenig durch die menschenleeren Gassen hindurch und wunderte mich darüber, wo sich bloss all die Menschen aufhalten mochten. Da kam mir plötzlich des Rätsels Lösung: Wahrscheinlich fuhren diese gerade mit ihren Autos auf den schönen, erstklassigen Strassen herum.
Später, als ich den ergrauten Wohnblock gefunden hatte, begab ich mich in die wohlbeseelte Wohnung meines daheim gebliebenen Kollegen. Nach der obligaten Besichtigung der Räumlichkeiten fiel die unvermeidliche Frage.
Er: «Und, wie findest du`s hier? »
Ich kippte meinen Schädel nach hinten und spülte die mit CO2 verstaubte Kehle sauber.
Wieder er: «Ich meine abgesehen von meinem neuen Daheim. »
Ich: «Ganz schön. »
Er: «Ehrlich? »
Ich: «Nein. Aber dafür ganz schön grau. »
Der Abend endete übrigens auch ganz schön. Nämlich ganz schön blau.

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Jan 19 2008

Der Übertritt

Damian Haymoz @ 17:29

Vor kurzem trat ich in ein neues Lebensjahr über. Die Astrotanten hatten mir sechs Tage zuvor ein erfolgreiches Jahr mit innovativ verlaufenden Energiebahnen vorausgesagt. Jupiter soll es anscheinend sein, der mich in seinem Kräftefeld durchs kommende Jahr quasi mitzentrifugiert. Besinnen müsse ich mich nur auf die stopp-and-go Situationen, welche meinem persönlichen Entwicklungsweg eine ganz bestimmte Note verleihe. Aha, mal schauen.
Aber dem lieben Jupiter hätte beinahe ein Audi in Punkto Mitreisen den Platz streitig gemacht. Nachdem ich den Händen meiner ayurvedischen Masseurin entschwebt war, wollte ich, natürlich regelkonform, die Wartstrasse überqueren. Stehen bleiben, Blick nach links, nach rechts. Links frei, rechts Auto. Ich sah oder treffender gesagt, ich spürte den hässlichen Audi bereits von weitem. Eine derart unmenschlich hässliche Farbe habe ich das letzte Mal in Marokko gesehen, als ich eine Magen-Darmverstimmung durchlitt. Item. Trotz des Vortrittsrechts blieb ich kurz stehen, trat dann erst auf den nahesten gelben Streifen drauf. Der Lenker des Audis tat sinngemäß dasselbe wie ich. Er trat drauf, aber aufs Gaspedal. Ich hatte riesiges Schwein, der Audifahrer höchstwahrscheinlich ein riesiges Schweinehirn. Einige Menschen hören in solchen Momenten Engelsharfen, mir kamen die Worte der Masseurin in den Sinn: «Heute bist du aber sehr durchlässig. Irgendwie unscheinbar. » Wie jetzt?
Ich beschloss an der nächsten Ecke einzukehren um wieder etwas an körperlicher Substanz zurück zu gewinnen. Kebab mit scharf und allem. Wieder einigermaßen sichtbar radelte ich auf meinem Fahrrad nach Hause. Kaum in Fahrt gekommen, musste ich bereits bremsen, stark bremsen. Und da war er wieder, dieser hässliche Audi, mitten auf dem Radweg parkiert. Das Schweingehirn besorgte sich wohl gerade eine Dose Futter. Langsam zirkelte ich um das grässliche Ding. Auf der Fahrerseite war die Scheibe herunter gekurbelt, da passierte es. Eine Wolke des am Rückspiegel baumelnden Duftbäumchen stieg mir in die Nasse und, echt fies, dass war einfach zuviel. Meine gesammelte Substanz verlor sich in der Außenwelt. Mag heißen, eine Fontäne aus zerkautem Kebab mit scharf und allem prasselte auf den Fahrersitz nieder. Ich kotze aus Leibeskräften, fühlte mich aber erstaunlicherweise echt toll. Danach wischte ich mir den Mund trocken und sah zu, wie einige Spritzer der Kotze in die Ritzen der Belüftungsschieber rannen. Plötzlich hörte ich ein lautes Grunzen. «He du, wa machsch da a mim Audi Mann! »
Mir blieb nur noch eins. Ich richtete meinen Blick zum Himmel empor und schrie: «Oh Jupiter, zeig was du kannst, los! » Ich brach wohl all meine bisherigen Streckenrekorde und kam sicher zu Hause an. Nun habe ich eine vage Vorstellung davon, was mit diesen stopp-and-go Situationen und dem anderen Astrozeugs gemeint ist.

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          Nov 19 2007

          Der Bonus des Nichtsverstehens

          Damian Haymoz @ 13:28

          Spätestens dann, wenn der erste graue Schnee niederfällt ist es an der Zeit, den Ordner meiner geknipsten Ferienfotos anzuklicken und mit wässrigen Augen auf den Desktop zu starren. Wieso? Darum. Vor vier Wochen sonnte ich mir noch den Nacken feurig, trank mich mit Hotelmanagern, Börsenspekulanten, Backpackern, Chefredakteuren, fragwürdigen Engländern, noch fragwürdigeren Deutschen beinahe um den Verstand und kletterte sogar Leguanen hinterher – wobei ich mir bei der Sache mit den Leguanen nicht mehr so ganz sicher bin.
          Jetzt, nach achtundzwanzig Tagen Trockenzeit, heisst es nun Kräutertee statt Rum. Hinzu kommt, das die Auswertung meiner sprachlichen Lernerfolge auf einer Skala von eins bis zehn nicht über eine Zwei hinaus reicht. Zu meiner Verteidigung muss allerdings gesagt werden, dass die Venezuelaner mehr als die Hälfte eines gesprochen Wortes schlucken oder weg lispeln. Dies führte dazu, dass ich zwangsläufig pantomimische Vorführungen veranstaltete, um die in schwarz-weiss abgebildeten Stadtpläne aus dem Reiseführer zu untermalen. An den Busterminals und in Schnellimbissbuden fühlte ich mich jeweils wie ein Zweitklässler, der sich im ersten Familienurlaub an der Costa Brava eine Portion Spaghetti bestellen durfte. „Hä? Mami, was het dä Ma gseit?“ Bei mir, zwanzig Jahre später, klang das dann so: si…äääh…no…como? no entiendo – letzteres heisst soviel wie ich verstehe sie nicht.
          Item, schön war es trotzdem, sehr sogar. Das Nichtverstehen einer anderen Sprache hat aber auch seine Sonnenseiten, was mir erst gegen den Schluss dieser Reise so richtig bewusst wurde. Als ich in Caracas auf meinen Rückflug wartete, zündete ich mir an Ort und Stelle, einfach so, eine Zigarette an. Die grossen Verbotsschilder hatte ich leider übersehen weil, eben, no entiendo. Also paffte ich eine Belmont doble filtro. Für dieses Vergehen erntete ich zwar nicht die freundlichsten Blicke, was ich irgendwie einsah. Man schien sich also doch zu verstehen. Zweieinhalb Stunden später, sprich fünf abgebrannte Belmonts, erklang mein Name über die Lautsprecheranlage. Am Schalter B13 versuchten mir zwei in blau gekleidete Herren zu erklären, dass der Flug nach Frankfurt überbucht sei und ich auf den nächsten Flieger, Abflug in elf Stunden, zu warten hätte. Ihr Pech und mein Glück über die fehlenden Spachkenntisse beiderseits verschafften mir, nach einer zähen Partie Schulbubensturheit, einen Sitzplatz in der Buissnes Class. Natürlich ohne Aufpreis. Erst dann, als ich die glorreich erkämpfte Boardingkarte sicher in meiner Hosentasche verstaut hatte, gelang es mir, ein freundliches *magnifico! gracias, es muy amable de su parte hervor zu stottern. Die beiden Angestellten wurden etwas bleich, ich etwas rot.
          Eine letzte Zigarette vor dem Abflug blieb mir jedoch verwehrt, weil einige Passagiere handgreiflich zu werden schienen. Aber hey, no entiendo.

          *grossartig! das ist nett, danke

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          Sep 05 2007

          Zapping, dann Hirntod – oder umgekehrt?

          Damian Haymoz @ 22:15

          Jetzt! Jetzt! Jetzt! hörte ich den hyperaktiven Quizmoderator schreien, der mich aus meinem Halbschlaf riss. Entweder hatte sich mein Zeigefinger verselbstständigt oder es waren diese merkwürdigen Zuckungen, welche einem kurz vor dem Einschlafen durchfahren. Heute Nacht, krähte der halbe Hahn aus meinem neuen MIRAI LCD TV heraus, heute Nacht gewinnst du über 8000 Euro!

          Ich nahm mir die Zeit und glotzte ein hirnloses Weilchen dem Verlauf dieses Ratespiels zu. Es wurde ein Tier gesucht, dessen Name man in eine bestehende Buchstabenreihe einsetzen musste. Daraus ergab sich das 8000 Euro schwere Lösungswort. Etliche Anrufer wurden aus der Leitung gekickt und mit einem theatralischen Hallo, ist da wer – klack entschuldigt. Beiläufig drehte ich mir eine Zigarette. Noch bevor ich die Klebstelle befeuchtete, hatte ich das Tier mit nur gerade drei Buchstaben entlarvt und in die gegebene Buchstabenreihe eingefügt. Emu, Gemütlich. Zapp.

          Auf dem nächsten Sender war die selbe Kacke zu sehen, zapp. Auf Kanal 27 machte man Werbung für Analstuten ab 18, eine alte Omi rollte sich auf einem Teppichvorleger und stöhnte dabei so laut, das ich die Lautstärke aus Scham vor den Nachbarn senken musste, zapp! Trotzdem drückte ich mich noch eine trottelige Weile in den Programmen herum und begegnete der schwangeren Susanne Wille von 10vor10, traf auf zwei, nein, drei dunkelhaarige Frauen in Ledermänteln die ihre Brüste aneinander rieben, sah Werbesendungen über Trainingsgeräte, feuchte Hausfrauen, einen schwarz-weiss Film über den zweiten Weltkrieg, Moderatorinnen im Bikini und wurde Zeuge, wie Peter Braunschweig aus Erfurth den Emu heraus fand und das Lösungswort in die Sprachmuschel stotterte. Bravo Peter! Peter, was machst du nun mit diesen 8000 Euro? Na was wohl, Peter investiert das Geld in ein neues Auto. Wie ideenreich gewisse Menschen doch sind. Den endgültigen Hammerschlag auf meine weich gewordene Hirnmasse verpasste mir der allzeit gut gelaunte Sven Epiney. Dieser liess sich gerade die Funktion eines Fischentschuppers vorführen.

          Dann brachte ich es doch noch zu stande. Mein rechter Zeigefinger berührte die rote Taste, alles ging ganz schnell. Ein kurzes Zischen, ein leises Trappeln wie von tausend Stecknadeln, fertig, aus.

          Draussen hörte ich den Regen auf die herbstlich gestimmte Natur niederprasseln. Was da wohl schrie? Vielleicht eine feuchte Analstute die sich im Wald verirrt hatte? Egal. Ich trank noch meine abgstandene Tasse Tee aus und versuchte mir vorzustellen wie es wohl aussehen würde, wenn ein Emu in Peters neuem Wagen Svens Fisch zu entschuppten versucht. Danach fand ich endlich den Weg ins Bett oder anders gesagt, ich trat vom Standby Modus ins Off über.

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          Jun 19 2007

          Ein klärendes Gespräch

          Damian Haymoz @ 15:52

          Lukas und Moritz sitzen etwas wortkarg vor der qualmenden Feuerstelle.

          «Bier? »

          «Ja gerne. »

          Pfff…Pfff..

          «Prost. »

          «Prost. »

          Ihre beiden Freundinnen haben sich hinter die nahe gelegen Büsche begeben. Karin musste angeblich mal pinkeln.

          «Du », beginnt Lukas vorsichtig, «wir müssen miteinander reden. »

          «Gut », antwortet Moritz. «Wieso nicht. »

          «Nicht, dass ich ein Problem hätte oder so. »

          «Na dann bin ich ja beruhigt », grinst Moritz zurück und zündet sich eine Zigarette an. Lukas lächelt etwas verlegen. Es folgen zwei schweigsame Minuten, in denen nur die Zungen des Feuers sprechen.

          «Ich meine », beginnt Lukas von neuem, «wir können ja schon über unsere Probleme und… »

          «â€¦unsere Gefühle sprechen. So ist es ja nicht », meint Moritz.

          «Nein, so ist es bestimmt nicht. »

          Beide nicken selbstbewusst.

          «Reden, reden, reden. Also ob wir das nicht könnten. Die Weiber haben ja keine Ahnung! »

          «Jawohl, Prost! »

          «Prost! »

          «Hast du mir auch eine von deinen Zigaretten? »

          «Natürlich. »

          «Danke. »

          «Bitte. »

          Mittlerweile haben ihre beiden Freundinnen ihr angebliches Geschäft erledigt.

          «Na ihr zwei, alles klar », ruft Nina, die als erste aus den Büschen hervor stolpert.

          «Klar doch », erwidert Moritz und richtet, als müsse er seine Antwort untermalen, den linken Daumen nach oben.

          «Scheiss Dornen », flucht Karin.

          Später, als die Bratwürste, der Tomaten-Mozarella Salat, die Chips und das Fünfkornbrot verschlungen sind, zeigen sich am hereinbrechenden Nachthimmel die ersten Sterne. Beide Pärchen, Lukas mit Karin und Moritz mit Nina, versuchen die romantische Stimmung zu geniessen. Man drückt sich aneinander und stiert andächtig in das vor sich hin glimmende Feuer.

          Nach einer Weile fassen Moritz und Nina den Entschluss, sich auf einen kurzen Nachtspaziergang zu begeben. Lukas nutzt diese Gelegenheit um einwenig intimer zu werden. Er beginnt Karins Nacken zu streicheln und legt einen Arm um ihre Taille.

          «Du », fragt sie.

          «Ja. »

          «Ãœber was habt ihr vorhin geredet? Über uns? »

          «Wann? »

          «Vorhin, als wir pinkeln waren. »

          «Aha, wieso? »

          «Einfach so. Es nimmt mich halt nur Wunder. »

          «Männergespräche. »

          «Männergespräche? »

          «Was einem halt so beschäftigt. Kennt ihr das etwa nicht? »

          «Doch doch. Natürlich »

          Karin hebt ihren Kopf und kuschelt sich etwas fester in den Schoss von Lukas.

          «Weißt du », fährt sie fort, «ich finde das total schön, dass ihr beiden Männer offen über eure Probleme sprecht. »

          Lukas erwidert nichts, nickt nur.

          «Glaub mir, nicht in allen Freundeskreisen ist das gang und gebe. Oft schweigen sich die Leute gegenseitig zu Tode oder heucheln einander etwas vor, bis es irgendwann zur emotionalen Explosion kommt. Zum Kotzen! »

          «Kenn ich », sagt Lukas leise.

          «Was? »

          «Ach, nichts. »

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          Mar 19 2007

          Ranzenpfeifen

          Damian Haymoz @ 21:51

          Um flexibel und weitstirnig zu bleiben, beschloss ich, gewisse Gewohnheiten zu ändern. Kurz gesagt, Kampf dem Entwicklungsstau. Mein Veränderungsansatz zielte auf – wie kann es anders sein – den schizophrenen Zeitgeist der Ernährung. Einige Tage später sass ich – verdammt früh – im IC 708 nach Bern, geschäftlich. Auch in diesem Quartal drängte sich die Pflege der bestehenden Connections in den Vordergrund. Den obligaten Kaffee mit Bio-Vollkorngipfeli hatte ich mir vor der Fahrt verboten. «Gewohnheiten ändern. Heute noch!!! », verriet mir mein Planer. Also kaufte ich mir eines dieser M-Buget Energy Drinks – mega trendy – und ein Magerjoghurt – mega körperbewusst. Zugegeben, dieses Dosengetränk liess einige Fragen aufkommen. Skeptisch las ich die Inhaltsstoffe der trinkbaren Flüssigkeit durch. Wasser, Zucker, Glukose, Säuerungsmittel wie Zitronensäure und E331, Kohlensäure, Taurin, Glucuronolacton, Aroma, Farbstoffe, E101, Zuckerkulör, Inosit, Koffein und vier Vitamine. Potz Blitz! Gewagte Sache! Eingeschüchtert sah ich mich um. Auf den gegenüberliegenden Sitzplätzen sassen zwei junge Frauen. Sie schwatzten aufgedreht, drückten an ihren Handys herum und gaben hysterische Laute von sich. Beide hielten ein solches Getränk in den Händen. Nebenwirkungen?
          «Mach schon », sagte ich leise zu mir. Nach einem kurzen Zischen roch ich den süsslichen Duft dieses taurin- und koffeinhaltigen Spezialgetränkes. Spezialgetränk, wow! Ich nippte, nahm einen kräftigen Schluck und stellte die Dose auf der dafür vorgesehenen Fläche ab. Süss. Süss und kühl war alles, was mir in diesem Moment einfiel. Da süss angeblich sympathisch macht, war ich davon überzeugt, dass die nächsten Stunden locker vorbei ziehen würden. Minuten später landete die leere Dose im grauen Mülleimer. Mein Magen brummte. Es folgte der zweite Teil meines Morgenessens. Ich löffelte die energieverminderte Masse aus Erdbeeren, Naturfasern, Oligofruktose, Inulin, Magerjoghurt, Aspartam, Phenylalanin, rote Bete Saftkonzentrat, Zitronensaftkonzentrat und weiteren Aromen in mich hinein und dachte wehmütig an ein Gipfeli. Kurz nach Burgdorf machten sich leichte Krämpfe in der Magengegend bemerkbar. Nervös? Ich doch nicht. Dann, Ankunft in Bern, Tasche lässig über die Schulter schwingen, Zigi anzünden, wieder einmal e chli Bärndütsch lose, rein ins Tram, Luisenstrasse raus, ein letzter Furz, Lächeln, Hände schütteln, Handy auf lautlos stellen und eine sympathische Atmosphäre herauf beschwören.
          Knappe zwei Stunden später verliessen alle Beteiligten den sterilen Sitzungsraum. Das Treffen war wie erwartet gut verlaufen. Jedoch hatte sich während der Sitzung eine gröbere Unstimmigkeit in meinem Stoffwechselorgan vollzogen. Es brodelte, röhrte, sauste, glubste, gaste und stach wie verrückt. Ernährungstechnisch bedingt?
          Um die Wartezeit auf den nächsten Zug zu überbrücken, trank ich einen Kamillentee. Die schlimmsten Schübe der Magenkrämpfe waren inzwischen ausgestanden und am abklimmen. Als ich im Begriff zu gehen war, vibrierte meine linke Jackentasche.
          «Hoi Urs. »
          «Hallo. Nur kurz. Wie verlief die Sitzung? »
          «Eigentlich ganz gut. »
          «Was heisst eigentlich? »
          «Ach, nur so. War etwas früh am Morgen, du verstehst. »
          Kurze Pause, dann wieder Urs.
          «Aha. Herr Walter hat mich vor fünf Minuten angerufen. »
          «Herr Walter aus Bern », fragte ich verwundert.
          «Ja. Walter aus Bern. Er klang etwas beunruhigt in Bezug auf unsere Zusammenarbeit. Muss ich da etwas wissen? »
          «Nein », antwortete ich vorsichtig, was auf der anderen Seite der Leitung ein leises Stöhnen auslöste.
          «Nun, mein Lieber. Herr Walter ist aufgefallen, dass du während der Sitzung einige Male nach draussen gegangen bist, wahrscheinlich telefonieren, wie er annimmt. Zusätzlich seihst du unruhig auf dem Stuhl gesessen, hättest dauernd nach der Uhrzeit geschaut und so einen unzufriedenen Eindruck hinterlassen. »
          «Ach so. »
          «Was heisst ach so », Urs klang etwas genervt.
          «Magenkrämpfe. »
          «Magenkrämpfe? »
          «Ja, sonst nichts. Aber es geht wieder. »
          «Dann bin ich ja beruhigt. Ich meine wegen der Sitzung. Ehmm, äh, wegen deinem Ranzenpfeifen natürlich auch. »
          Er wünschte mir noch einen angenehmen Tag und legte auf. Ich entschloss mich, solche Versuche in Zukunft genauer zu durchdenken und eventuell andere Gewohnheiten zu ändern. Auf dem Nachhauseweg traf ich auf den ursprünglichen Werbeslogan von diesen Spezialgetränken. «Verleiht Flügel », stand da. Nur, wo tragen diese Flügel den Konsumenten hin? Süss muss also nicht zwingend sympathisch machen. Ähnliches gilt für Joghurts mit 0,0001 Prozent Fett. Knochendürr werden wir irgendwann sowieso, mit oder ohne Unterstützung von gewissen Stoffen.

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          Jan 23 2007

          Fehler im System

          Damian Haymoz @ 21:01

          Neulich sass ich unter einem symmetrisch geflochtenen Strohdach in Siam Reap, Kambodscha. Der verstaubte Ventilator summte monoton vor sich hin, erfüllte jedoch seinen Zweck. Die Fahrer der motorisierten Vehikel hupten wie immer unentwegt, meine selbst gedrehte Zigarette qualmte in einer Kerbe des Aschenbechers vor sich hin und auf dem holzigen Untersatz meines eisgekühlten Getränkeglases bildete sich eine kleine Wasserpfütze. Die anwesenden Gäste konnte man an einer Hand abzählen. An der linken Seite der Bar bestellten sich zwei sonnenverbrannte Engländer weitere Biere und eine junge deutsche Frau, nahm ich jedenfalls an, las vertieft in irgendeinem sechshundertseitigen Roman. Ich zog an meinem Glimmstängel und beobachtete wie sich eine tollpatschig scheinende Reisegruppe aus Japan die Strasse hinab drückte. Aus allen Ecken strömten Kinder herbei und priesen ihre Kultur- und Reiseführer zu Spottpreisen an. Etwas weiter vorne, an einem strategisch wichtigen Punkt, versammelten sich die hiesigen Taxifahrer auf ihren zweirädrigen Gefährten. Zeitgleich fühlte ich die herunter rinnenden Schweissperlen auf meiner Stirn. Ebenso flossen Bäche meinem Rücken entlang in Richtung Unterhose, die sich dann am Gummiband stauten und später in den blau grünen Karomustern verschwanden.
          Belustigt beobachtete ich dieses Schauspiel, welches eigentlich den ganzen Tag lang stattfand. Wenn es dann finster wurde, etwa gegen 17 Uhr, postierten sich jeweils einige Polizisten und hoteleigene Sicherheitsbeamte an den Hauptgassen und taten so, als ob sie irgendeine Macht auszuüben vermochten. Vor einigen Tagen hatte ich eine kurze Begegnung mit einem solchen Ordnungshüter. Ich musste eine Bank betreten, weil ich zum wiederholten Male meine Reisechecks unauffindbar, samt meinem rotweissen Pass, irgendwo im Hotelzimmer schier unauffindbar versteckt hatte. Sonst ziehe ich den Gebrauch von Wechselstuben vor. Auf jeden Fall stand ich nun nach langer Suche vor einem Geldautomaten und steckte voller Freude, daher leicht unaufmerksam, meine Coop Super Card in den vorgesehenen Schlitz. Das eigentliche Versehen bestand aber darin, dass ich diese Karte überhaupt bei mir trug. Erst nach dem dritten Versuch wurde mir bewusst, dass die Plastikkarte blau anstatt goldig war. Doch leider war es bereits zu spät, der Automat spuckte die Karte nicht mehr aus. Aha. Egal. Die 40`000 Riel, umgerechnet entspricht dies zehn US Dollar, mussten halt bis zum nächsten Tag reichen, was sie dann auch taten. Ich teilte dieses Missgeschick natürlich umgehend einem Sicherheitsbeamten der betroffenen Bank mit. Dieser musterte mich mit einem skeptischen Blick und deutete auf meine linke Hand, in der sich zwischen meinem Mittel- und Zeigefinger eine verkrüppelte, aber immer hin selbst gedrehte Zigarette befand. Zugegeben, die konische Form liess einen anderen Inhaltsstoff als reiner Tabak erahnen.
          Ich grinste und sagte: «Hey man, no problem, only tabacco. »
          Er nickte und sagte, dass ich mir bloss keine Sorgen um die Karte machen müsse. Sorgen machte ich mir bestimmt keine. Aber wenn er gewusst hätte, dass ich vor rund zwei Minuten den wohl einzigen Geldautomaten in dieser Region lahm gelegt hatte, ja dann hätte ich mir Sorgen gemacht.
          Nun sass ich also in dieser Bar, genoss das nichts tun und dachte sympathischerweise an nichts. Da klingelte das Telefon hinter dem Bartresen. Der Barkeeper drehte sich langsam um und liess das Ding bestimmt fünfzehn Mal schellen. Erst dann rutschte er von seinem gepolsterten Barhocker, drückte die Zigarette in der geschnitzten Kokosnussschale aus und griff zum Hörer. Er lauschte in die Muschel, nickte, blickte in die spärliche Runde von vier Gästen und fragte: « Is anybody here from switzerland? »
          Alle Anwesenden verneinten mit einer einfachen Kopfbewegung. Nach einer Weile legte der Barkeeper den Hörer wieder auf und steckte sich erneut eine Kippe an. Später erhob ich mich aus meinem äusserst bequemen, wenn auch etwas schmuddeligen und klebrigen Korbsessel und ging an den Tresen, um mir noch einen fresh lemonjuice zu bestellen. Beiläufig fragte ich Fritz, den Barkeeper (ich glaube übrigens immer noch nicht, dass dies wirklich sein richtiger Name war), was es den mit dem Telefonat auf sich habe.
          Er teilte mir mit seinem gebrochenen Englisch mit, das sich irgend ein Abgesandter eines Schweizerunternehmens um einen potentiellen Kunden sorgte. Dieser sei anscheinend aufgrund eines sehr untypischen Verhaltens aufgefallen. Daraus habe sich eine erhebliche Unordnung im System für Verbraucherkontrollen eingeschlichen. Es bestehe die Gefahr, dass sich alle internen Daten und die dazugehörigen Sammelpunkte anderweitig verschieben könnten. Mehr wusste er nicht, aber das war doch schon allerhand!
          Verblüfft schaute ich Fritz an.
          «Are you swiss », fragte er mich grinsend.
          «I`m from sweden », grinste ich zurück.
          Ich hätte ihn ebenso gut fragen können, ob er wirklich Fritz heisse. Aber man verstand sich. Danach genoss ich mein kühles Getränk, rauchte noch etwas vor mich hin und genoss das gebotene Treiben.
          Als ich einen Monat später zu Hause meinen Stapel an ungeöffneter Post durchackerte viel mir auf, das sich darunter etliche Einkaufsgutscheine von diversen Geschäften und Grossverteilern befanden. Das gab’s noch nie. Ausserdem hagelte es quasi Ferienprospekte und Werbung von Kreditkarten. Ein Möbelhaus schickte mir sogar einen Vorabdruck ihres Frühlingssortiments. Alles war per Zufall im asiatischen Styl gehalten. Doch aus den Socken riss mich die Anrede des Mitgesendeten Schreibens. „Willkommen in der Schweiz“ stand da.
          An diesem Punkt tauchte in mir die Frage auf, wie es eigentlich um die Sicherheit meiner persönlichen Daten, ja des gesamten Datenschutzes überhaupt steht. Seit diesem Tag verteile ich meine Super-Punkte-Bonus-Cumulus-Mega-V.I.P.-Sammelkarten in allen Herrenländern, melde mich mit falschen Namen am Telefon, zum Beispiel mit Fritz, verfüge über unzählige E-Mailadressen die ich monatlich wechsle, habe meine Geldkonten und sonstige Ausweispapiere in diversen Schliessfächern verwahrt, bezahle nur noch mit Bargeld, mache nie mehr an Gewinnspielen mit, lese das Kleingedruckte und betrete die Warenhäuser nur noch mit Sonnenbrille und Kapuze.

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          Nov 09 2006

          Willkommen Kälte

          Damian Haymoz @ 14:28

          Die meisten Leute beklagten sich in den vergangenen Tagen darüber, dass es plötzlich kalt geworden ist. Wie anstrengend. Das Quecksilber purzelte um stolze 15 Grad Celsius. Voll krass!
          Moment, was heisst den hier voll krass? Es ist November, der zweit letzte Monat des Jahres. Dieser verfügt nun einmal über den Charakterzug, kühler als der Juni oder der August zu sein. Für jene unter uns, welche während des Naturkundeunterrichts mit einem durchzogenen Dünnpfiff unter der Mütze zu kämpfen hatten, diese möchte ich an der hiesigen Stelle gerne dazu einladen, wieder einmal etwas in Punkto UM(DIE)WELT mitzudenken. Als Denkanstösse nenne ich die vier Jahreszeiten, jawohl, es sind vier, und dazu noch eine weitere Bezeichnung, die übrigens immer noch als aktuell gilt; Klimazonen. Na, Groschen gefallen?

          Wenn nicht, kann man sich doch noch in einer eher verblendeten Winterzeit – mit Badehose, Sonnebrille, Cocktail, Sonnenbrand – erleben. Dieses Phänomen ist eine Mischung aus Fernweh, Flucht und Selbstgefälligkeit. Solche Verhaltensweisen können übrigens auch unter der Rubrik «Klimaflüchtlinge » verbucht werden. Tausende Menschen flüchten vor Hochwassern und Taifuns, im Gegenzug verreist unser eins in der Hoffnung, die eigene Gemütslage noch ein Weilchen oben zu halten, den Spass am Leben auszubauen. Nun, heisst das jetzt, das Auslandreisen in der jetzigen Zeit verpönt sind? Ist es uncool geworden, sich während der beginnenden Winterzeit zu verpissen?

          - Nein. Glücklicherweise lebt in unserer Gesellschaft ein reges Interesse an fremden Kulturen.

          - Ja! Grausig, wenn sich im Ziehkoffer mehrheitlich trägerlose Shirts, schlampig geschnittene Kleider, zu knappe Röcke, die letzte Ausgabe der Schweizer Illustrierten, Schminkutensilien, Aromat und Maggi, Autoschlüssel, unerledigte Arbeit und weitere belastende Dinge finden lassen.

          Trotzdem, buchen! Thailand, Brasilien, Neuseeland, die dominikanische Republik und andere unzählige Destinationen locken nicht um sonst mit ihren beneidenswerten Qualitäten. Was soll man da noch sagen. Schön. Schön?

          So ganz unter uns gesagt, von der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise aus gesehen, sind wir – jawohl, immer noch – Naturwesen. Winterschlaf, Stimmungswechsel, Scheibenkratzen, Ansammeln von Fettpölsterchen, Fondueplausch, Glühwein statt Bier, Rückzug des peripherischen Treibens. Es scheint als dringe da eine Klarheit an den Tag, die uns nachdringlich zuflüstert, dass sich auch der gesunde menschliche Organismus an einen bestimmten Rhythmus hält. Gemäss den chronobiologischen Forschungen verlaufen alle physiologischen Prozesse rhythmisch. Somit könnte sich unsere seelische Verfassung also gut an der Fülle der Herbstfarben nähren. Mein Maltherapeut erzählte mir neulich etwas über die Farben und deren Wirkung. Klang sehr interessant und einleuchtend! Ich kapierte es aber dann trotzdem nicht so recht. Fazit: Open your eyes, close your Geldbörse. Lassen wir das jetzt. Gesund zu leben ist anstrengend. Oder nicht?
          Egal, Hauptsache, man tut was. Deshalb kurve ich noch einmal in meinem Wagen, meinem 1,6 Liter Franzosen, durch die Stadt. Hätte ich eine 3 Liter Karre, dann würde ich wahrscheinlich zweimal durch Winterthur tuckern. Aber wer weiss, wenn wir alle gemeinsam etwas öfter aufs Gaspedal treten, die öffentlichen Verkehrsverbunde meiden, endlich jede Form von Fahrgemeinschaften ausgemerzt haben, oft ins Ausland fliegen, dann bleibt es vielleicht auch bei uns das ganze Jahr warm.

          sternenpracht AT gmx.ch

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