May 14 2009
Maimist
Neulich balkonte ich über meiner Quartierstasse und glotzte mal hin, mal her. Auch mal rauf, mal runter. Dazu nuckelte ich einige Kräuterbonbons klein, welche offenbar gegen Pollenallergie helfen. Bekannte Folgen bei übermässiger Einnahme: Müdigkeit, Wallungen, Appetitanregend/Appetithemmend – mahnte die Packungsbeilage. Prompt raunte mein Magen und die Augenlieder ergaben sich der Erdanziehungskraft.
Der Maihimmel wechselte trügerisch seine Farben und verhielt sich irgendwie aprilig. Mal so, mal so. Trotzdem ganz schön einladend um ein Weilchen herum zu dösen. Das Dösen an sich verleitet uns ja manchmal zu verwunderlichen Denkprozessen. Meine brachten mich dazu, einen imaginären Sprung ins nächste Tram zu tätigen.
So schiente es mit mir Richtung Altstadt. Den Ausstieg beinahe verpasst, da dösend unterwegs, stand ich am Eingang des el toro manso. Der Tageshänger lockte mit gegrillten Schweinerippchen was ganz lecker klang. Ich bestellte vorweg ein kühles Bierchen und ersuchte das Pissoir. Auf dem Weg kreuzte ich Carlos den Koch, der gerade im Begriff war zu niesen. Um den Schnuder aufzufangen, faltete er seine vergilbten Zigarettenfinger zu einem Bakterienbiotop und füllte dieses sogleich. Eine solche Sauerei konnte mir erspart bleiben. Ich kletterte aus dem Scheisshausfenster ins Freie und verknackste mir bei der ganzen Strampelei einwenig den linken Fuss. «Du Sauhund», hörte ich Carlos rufen, was mich auf die Idee brachte, beim Chinesen Chang einzukehren.
Dort angekommen stellte ich bestürzt fest, dass keine Hoffnung bestand in Changs Bratstube einzutreten. Etliche tibetische Aktivisten befanden sich vor dem Lokal und bildeten regelrecht eine Mauer. Einige von Ihnen hoben Spruchbänder und Schilder in die Höhe, wo das geistliche Oberhaupt Tibets zu sehen war. Nun gelüstete es mich unerwartet nach Lamm. Bis zum Neuseeländer Patariki war es zwar nicht mehr allzu weit, jedoch lahmte mein linker Fuss doch ganz schön nebenher.
Drei Minuten später hockte ich bocksteif im Tram, mir stockte der Atem. Die Luft roch stark überpensioniert, Husten und Niesen übertönten das gelegentliche Quietschen der Geleise. Ich stürzte bei der nächsten Gelegenheit raus und öffnete das Sicherheitsventil meiner Nase. Die Düfte eines srilankesischen Lebensmittellandens füllten meine entleerten Lungenflügel mit Sauerstoff und in den unterbelüfteten Schädelwindungen reihten sich sieben Buchstaben aneinander. Tamiflu.
Dann, als ich mir die ersten Fieberbäche aus dem Gesicht lenkte, erwachte ich endlich aus meinem Halbschlaf. Mittlerweile hatte sich der Himmel verfinstert, liess die ersten Tropfen fallen. Ich verschrieb mir einen starken Kaffee und wusch meinen Kopf unter schmerzend kaltem Wasser. Draussen blies der Wind zur kollektiven Besamung auf. Drinnen informierte eine Radiostimme wie gewohnt über schlimme Sachen. Vermutlich über irgendwelche bellenden Tauben, welche die Katzengrippe verbreiten, indem sie auf den Kopfsalat und in die Beete kacken, wo schlussendlich die Büslis ihren Arsch rein drücken.
